Wunderkerzen an Silvester

Frohes neues Jahr, ihr Säcke! Ich wünsche euch und euren Kids nur das Beste für die nächsten 12 Monate und hoffe, dass ihr gut und vor allem sicher reinfeiern konntet. Apropos “reinfeiern”: Einen Artikel nur mit ein paar Floskel für das neue Jahr 2018 war mir dann doch zu wenig. Unser Silvester hat mir zum Glück ein bisschen Stoff zum Nachdenken und drüber schreiben beschert.

Im ersten Moment klingt der Silvesterabend wenig spektakulär: Die Kleene hat das neue Jahr verschlafen und sich auch nicht vom Geböller stören lassen. Wir lagen daneben und gratulierten uns kurz nach 12 Uhr zum schönen neuen Jahr 2018. Licht aus, Schlaf nachholen. Mit Kind ist eben alles anders und an eine Silvesterparty mochte von uns sowieso keiner denken.

Die Wahrheit ist aber auch: Ich hatte einfach keinen Bock drauf. Keinen Bock aufs Feiern, keinen Bock auf Traditionen. Ich, der es eigentlich kaum erwarten kann, dass beim Bierchen zusammen aufs neue Jahr hingefiebert wird und am Ende das große Feuerwerk losgeht. Als den Tag über jedoch WhatsApp und Facebook bereits mit besten Neujahrswünschen überquollen, hatte ich bereits ne ordentliche Krawatte: Das ganze Jahr meckern und mosern die Leute wo es nur geht, zum selber Anpacken kriegen sie den Arsch nicht hoch, aber zu Silvester wünscht man sich nur das Beste.

Eiaculatio praecox pompa – oder so

Also ob die Trumps und Kims dieser Welt, die Ungerechtigkeiten und die eigenen Verfehlungen um 0 Uhr verschwinden wie die paar Hundert Euro, die man in den Nachthimmel ballert. Nach dem Motto: “Hey, war scheiße von mir, aber wird bestimmt alles von alleine besser, sobald die Acht hinten steht.” Ist das Kalkül? Ist das Naivität? Und dann geht das ganze Gedöns nicht mal am 31. los, sondern dank des Sonntages schön den Tag davor.

Irgendwelche Kiddies rennen nachts durch die Straßen und ballern sich gegenseitig mit Raketen zu. Gegen die Superböller aus Polen sieht der gute Kim schon fast alt aus. Und an Silvester selber ist um 20 Uhr am Himmel schon so viel los wie um Mitternacht. Dass stündlich die Feuerwehr vorbeifährt und die Sanitäter Sonderschichten schieben, weil sich wieder irgendwer die Finger weggeballert hat, stört außer mir anscheinend keinen.

Fakt ist: Als ich noch kein Papa war, hat mich das nicht gekratzt. Ebenso wenig wie das viel zu frühe Raketengezünde. An Silvester selber dachte ich um 20 Uhr schon, die Uhr würde falsch gehen. Mit meiner (sehr umweltbewussten) Frau habe ich das erste Mal in unserer Beziehung ernsthaft darüber diskutiert, was das denn alles kostet, wie schädlich das für unsere Gesundheit und die Tierwelt ist. Und ob das denn alles sein müsse oder ob man nicht einfach ein städtisches Feuerwerk organisieren könne.

Feuerwerk im Wald

Wutbürgerliche Küche

“Du kannst dem Deutschen nicht auch noch sein Feuerwerk nehmen,” sagte ich dann irgendwann resignierend, “dann drehen ein paar hier völlig durch.” Empathie für meine Mitmenschen war an dem Tag bei mir irgendwie nicht angesagt. Nein, ich wollte mich irgendwie nicht mehr an dieser Tradition beteiligen, ausbrechen, keine Wünsche fürs Jahr 2018 hören und auch keine verteilen. Ich hatte einfach keinen Bock auf die Menschen und die aktuelle Welt.

Als ob ich eine Bestätigung bräuchte, kommt auf einmal der liebe Herr Dobrindt aus Bayern daher. Quatscht etwas von Revolution, Loslösung vom linken Diktat und von abgehängten Menschen, deren Hauptargument es ist, dass sie ein „Gefühl“ haben, es habe sich was geändert. So hat er das ernsthaft gesagt. Ja, mag alles gar nicht so sein, aber die Menschen „fühlen“ das so. Erinnert mich verblüffend an den Trump-Wahlkamp 2016, da ging es auch viel um Gefühl. Und kurz fragte ich mich, ob wir tatsächlich das Jahr 2018 schreiben oder ich durch meine Weigerung vom Universum nach 1918 strafversetzt wurde.

Aber ich schweife ab und werde politisch, dabei bin ich gar kein politischer Mensch – zumindest, wenn es um Parteizugehörigkeiten geht. Ich würde mich ja gerne gegen all das politisch engagieren, was hier nicht läuft. Es gibt einfach aktuell nur keine Partei für mich. Die Partei wäre eigentlich so eine Partei, genau mein Humor. Ein bisschen „ernsthaftere“ Politik sollte es dann aber schon sein. Und da machen einem die Dobrindts dieser Welt leider einen Strich durch die gutbürgerliche Rechnung.

Dawn of the Soziodad

“Bin ich nun ein Soziopath?”, fragte ich mich heimlich an Neujahr. Oder ist das ein neuer Zustand, den einfach das Vatersein mitbringt? Bin ich quasi zum Soziodad mutiert? Gibts den Begriff überhaupt?! Naja, ab jetzt schon, “This will be a thing” würde Barney Stinson jetzt sagen. Eine Erklärung habe ich trotz ausufernder Recherche *hust*Google*hust* bislang noch nicht gefunden.

Ich erkläre mir das einfach mal so: Töchterchen ist mit Mama gerade das Wichtigste auf der Welt. Papa entwickelt Gluckeninstinkte und möchte Töchterchen vor allem Fiesen bewahren. Also findet Papa erst mal grundsätzlich alles kacke, ist skeptisch, hinterfragt. Vielleicht sind auch findige (Hobby-)Psychologen da draußen, die eine vollkommen logische(re) Erklärung dafür haben. Schreibt mir gerne!

Frye feiert Silvester

Zumindest was Silvester angeht steht mir ein Promi bei, den ich sehr schätze: Julian Nagelsmann. Der hat sich, ähnlich wie ich, im Rage Mode der FAZ zum Neujahrsfest anvertraut: „Wenn man um 00.20 Uhr in den Himmel schaut und den selbigen nicht mehr sieht, dann sollten wir uns alle mal Gedanken machen. Wir quatschen immer von Umweltschutz und verschießen ich weiß nicht wie viele Milliarden Tonnen von diesem Rotz an Silvester. Völliger Bullshit!“

Völliger Bullshit sind übrigens auch Neujahrsvorsätze. Laut dem Produktivitätstool Trello verlaufen 94% der guten Vorsätze im Sande. Deshalb habe ich mir für dieses Jahr auch keine Gesetzt – zum ersten Mal übrigens seit vielen Jahren. Mit Kind ist dann doch irgendwie alles anders. Ob aus dem aus der Ursuppe des Raketendunstes hervorgekrochenen Soziodad am Ende des Jahres nun ein netter Geselle oder eine dem Grinch ähnliche Figur wird, das muss das neue Jahr 2018 beantworten. In diesem Sinne, Prosit Neujahr!

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Written by Daniel
Chef im Papa-Blog | Schreibt über das Vater werden, Games, Comics und allerhand nerdigen Kram | Podcaster | Sportler & Rocker